Luc Tuymans Retrospektive im BOZAR (18.2. – 8.5.) ist vielleicht keine wunderbar gehängte Schau und die wenigen Großformate hätte man meiner Meinung nach auch ruhig weglassen können, aber nichtsdestotrotz ist sie einen Besuch wert. Bei meinem letzten Besuch dort hingen in denselben Räumen die „Jack Freak Pictures“ von Gilbert & George – ein absolutes Kontrastprogramm also.

The Secretary of State, 2005
Man muss weder die Titel noch die manchmal gegebenen Erklärungen lesen, noch lange verweilen, um diesen Arbeiten etwas abzugewinnen. In seinem Künstlergespräch im Kunstverein hat Tal R sich den idealen Betrachter für seine Arbeiten als daran vorbei flanierend und nur kurze Augenblicke einfangend vorgestellt. Ein solcher Betrachter war ich in der Tuymans-Ausstellung, obwohl ich vermute, dass Tuymans sich seinen idealen Betrachter nicht so wünschen würde. Für mich aber war es sehr angenehm und hilfreich, weil die oftmals beinahe abstrakten und verschleierten Arbeiten, eine traumhafte Qualität bekamen. Ungefähr so, wie man aus einem Traum erwacht und in dem besonderen Moment zwischen Wachen und Schlafen sich kurz nicht versichern kann, wo man sich befindet. Oder auch, wie Erinnerungen verblassen, manchmal kurz aufscheinen, sich mit anderen vereinen und ihre Konturen verwischen. „Austerlitz“ von Sebald lässt ein bisschen grüßen.
Ich habe sicher nicht jede Referenz gesehen und alle Hintergründe verstanden (vermutlich die Wenigsten), aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Auf jeden Fall musste ich während meines kurzen Rundgangs an die Richter-Ausstellung im Bucerius Kunstforum denken, die dieser so ähnlich aber auch so verschieden von ihr ist.
Randnotiz:
„L’Avenir“ von Jordi Colomer (29.4. – 12.6.)
An einem etwas undankbaren Ort, sozusagen auf dem Weg zu den Flämischen und Venezianischen Meistern im Flur gelegen, gab es eine kleine Randpräsentation von Jordi Colomer. Eigentlich drei filmische Installationen, von denen mich die erste noch nicht recht fesseln konnte, die zweite, eine Mehrkanalprojektion mit verschiedenen, im Internet gefundenen Sequenzen mich etwas entsetzte, auch weil das Präsentationssystem, das die Beamer trug, permanent im Bild war, die dritte aber schließlich doch zu interessieren begann und den Rest neu bewerten ließ.
L’Avenir nimmt seinen Ausgangspunkt in der sozial-utopischen Entwicklung des Phalanstère von Charles Fourier zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das Phalanstère war als Produktions- und Wohngenossenschaft, bzw. gesellschaftliches System entworfen worden, das den unterschiedlichen Trieben der Menschen gerecht werden und ihnen ein Zusammenleben in einer harmonischen und befreiten Ordnung jenseits staatlicher Vereinheitlichung und moralisch-ethischer Kodizes ermöglichen sollte.
(Vgl. hierzu auch folgendes Video bei arte zu dem von Fourier inspirierten Familistère in Guise: http://videos.arte.tv/de/videos/baukunst_familistere_eine_sozialutopie_im_19_jahrhundert_ausschnitt_-3816500.html)

„L’Avenir 2“ besteht aus einen Film sowie einem mehrteiligen schwarz-weiß Modell eben jenes von Fourier zeichnerisch für das neue Leben entworfenen Gebäudes. Dieses Modell wird im Film von einer heterogenen Gruppe Menschen unterschiedlicher Hautfarben, unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Geschlechts an einen unbestimmten Ort getragen und dort aufgebaut. Begleitet wird dieses Geschehen von sozialen Szenen: Es wird Essen zubereitet und gespeist – ein Idealbild gemeinschaftlichen Beisammenseins, vielleicht ein bisschen zu ideal.
Und aus diesem Kontext heraus muss ich die Bildwelten der Mehrkanalprojektion noch einmal neu betrachten: Sie zeigen Sequenzen menschlichen Lebens und Produzierens, die Fourier in seiner sozial-libertären Utopie zusammenbringen wollte.
Aus welchen Gründen mich das Ganze nun interessiert hat, sei vielleicht mal dahingestellt, aber Fourier, der mir in der letzten Zeit doch gehäuft begegnet ist, scheint ein interessanter Denker gewesen zu sein, der immer noch – auch in Zusammenhang mit den Diskussionen um ein bedingungsloses Grundeinkommen – von Bedeutung ist.