Der Vereinsblog

31. Oktober 2011

Venedig Biennale 2011

Abgelegt unter „Reisebericht,Review ” von Annette Hans um 18:54

Zuvor hatte ich viel Kritik gehört und gelesen, aber: ich teile diese Meinung nicht. Naturgemäß ist nicht jede Arbeit und jeder Pavillon uneingeschränkt großartig – das wäre auch viel verlangt bei der schieren Menge an Positionen. Denn in wie vielen kleineren Ausstellungen findet man schon jede Arbeit toll?

Es gab natürlich auch negative Highlights wie den venezianischen Pavillon, der sogar den italienischen noch übertroffen hat. Auch Boltanski ist meiner Meinung nach vor allem großspurig und pathetisch und verhandelt das komplexe Ausgangsthema kaum. Eine Reduktion des Lebenslaufes auf Produktionsästhetik mit Zählwerk, auf Irrläufe und Partizipation über ein altbekanntes und beliebtes Spiel, das aus der 3-Teilung Stirn, Nase, Mund neue Gesichter generiert reicht für mich nicht besonders weit. Da haben Allora & Calzadilla mit ihrem musikalischen Geldautomaten Partizipation schon netter gestaltet. Vollends ausgereift gab es dann Besucherteilhabe in der Biennale-Ausstellung von Norma Jeane: Bei der Eröffnung war es wohl noch ein großer Block aus Knetgummi in den Farben Schwarz, Weiß und Rot. Mittlerweile ist der ganze Raum von einer weniger minimalen, sondern eher abstoßenden Ästhetik: ein wildes Gemisch aus Knete, wenig künstlerisch und nur manches Mal humorvoll, so das Werk vermutlich unzähliger, an dieser Stelle aufatmender Schulklassen.

Norma Jeane

Norma Jeane

Ansonsten gab es viel Schönes – und ich meine wirklich ästhetisch schön, aber das soll ja kein Hindernis sein. Es fiel nur auf, machte allerdings auch den Arsenalebesuch sehr angenehm, da einzelne Arbeiten wie auch ganze Raumensembles präzise komponiert waren. Sehr gut gefallen haben mir die Arbeiten von Annette Kelm mit ihrer Thematisierung von Fotografie als Praxis ebenso wie ihren abstrakten Verschmelzungen zwischen Motiv und Hintergrund. Ein schönes Pendant hatten sie in den Fotografien von Elad Lassry, dessen Film mir allerdings im nicht unbedingt positiven Sinne rätselhaft war. Seltsam roh inmitten der ganzen Ästhetik und – selbst wenn irritierend wie bei Emily Wardill – perfekten filmischen Arbeiten war die Doppelkanalprojektion von Mohamed Bourouissa, die junge Männer anhand des Pokerspiels porträtierte, indem er dokumentarische und Interviewmaterialien unprätentiös aber ohne der Zufälligkeit trashiger Aufnahmen zu erliegen kombinierte. Weiterhin gelungen die Arbeiten von Shahryar Nashat, Josh Smith, der auch eine sehr schöne Buchpräsentation im Bibliothekspavillon hat, außerdem Carol Bove sowie die beiden Para-Pavillons von Monica Bonvicini und Oscar Tuazon (in den Giardini im Außenbereich).

Carol Bove - Arsenale (Detail)

Carol Bove - Arsenale (Detail)

Oscar Tuazon - Giardini

Oscar Tuazon - Giardini

Beiden gemeinsam war die bühnenhafte Leere – einmal in glänzender Inszenierung verschiedener Treppenfragmente (Bonvicini) und einmal in rohem Beton in prekärer Schieflage mit Abbruchästhetik. Ob es die Malerei von Ida Ekblad auf der Rückseite gebraucht hätte, ist eine andere Frage. So oder so aber war sein Pavillon ein angenehm rudimentärer Kommentar auf die exponierten Architekturen der Pavillons. Besonders, weil inmitten der Leere nichts geschah und auch die Soundinstallation nicht lief – aber das ist natürlich der Luxus der Zuspätgekommenen…

Ansonsten gab es aber erstaunlich wenig Schäden: Auf den Finnischen Pavillon war ein Baum gestürzt, vieles andere staubig und von Spinnen bewohnt, aber ansonsten voll instand. Sogar die so empfindlichen Arbeiten von Karla Black im schottischen Off-site-Pavillon. Sehr schön hier die kleinen, hängenden Papierarbeiten, die den großen, unmittelbarer materiallastigen Arbeiten ein schönes Pendant zur Seite stellen. Der Seifengeruch war etwas entwichen, so dass ich mir vorstellen kann, dass die Arbeiten nun weniger penetrant und damit selbstgenügsamer waren, aber so oder so wieder ein lohnenswerter Spaziergang dorthin. Das kann man von diversen anderen Off-site-Orten allerdings nicht unbedingt behaupten.

Karla Black - schottischer Pavillon

Karla Black - schottischer Pavillon

Aber zurück in den hinteren Bereich der Giardini. Der klaustrophobisch inszenierte österreichische Pavillon beherbergte einen wiederum äußerst präzisen Film von Markus Schinwald sowie Malereien und kleine Objekte aus Möbelbeinen an seltsamen Orten. Kleine Gesten zwar, aber gerade deshalb umso wirkungsvoller. Und der Film ergänzte sie in seiner Absurdität – sowohl der menschlichen Handlungen als auch der „Verhaltensweisen“ von Objekten und Architektur.

Auch die Filme von Yael Bartana im polnischen Pavillon zeichneten sich durch eine spezifische Inszenierung des Seltsamen aus. Dem stand der ungarische Pavillon mit Crash – Passive Interview von Hajnal Németh nichts nach. Als gefilmte und in Form von Librettos vorgetragene Interviewsituationen erläuterten und verwirrten sie die Präsentation des gecrashten BMWs ganz wunderbar. Besonders die in BMW-Produktions- oder Präsentationstätten (?) geführten Dialoge waren bemerkenswert.

Hajnal Németh: CRASH - Passive Interview, video still, 2011, camera: István Imreh

Hajnal Németh: CRASH - Passive Interview, video still, 2011, camera: István Imreh

Den Pavillon von Uruguay haben zwei Künstler bespielt, wobei mir der Film von Alejandro Cesarco aufgefallen ist. Einmal wegen der speziellen Art der Präsentation – ein Stativ hielt die kleine Projektionsleinwand quasi von rechts ins Bild – und einmal wegen der so persönlichen und ruhigen Dialogform, die immer wieder durch kompositorische Eigenheiten ästhetisiert und relativiert wurde.

Die restlichen Pavillons waren zwar auch weitgehend solide, haben sich aber auch nicht unbedingt durch etwas ausgezeichnet. Hirschhorn bei den Schweizern vielleicht noch, aber von ihm bin ich kein Fan, muss aber zugeben, dass mich der Wahnsinn, mit dem alles in einer Kristallstruktur untergeht, doch beeindruckt hat.

Josh Smith

Josh Smith

Zum Schluss noch der ehemalige italienische Pavillon: Auf der Front die Ankündigung „Illuminations“ von Josh Smith, im ersten Hauptraum dann die Enttäuschung gut bewachter aber nicht wirklich wirkender Tintorettos. Den Beweggrund, sie dort auszustellen, habe ich leider für mich nicht ergründen können. Und die Sicherungssysteme der wertvollen Gemälde waren auch irgendwie seltsam: Ominöse, weiße Keile, die auch andernorts zum Einsatz kamen, zumeist aber nicht ganz so fremd wirkten wie dort. Der weitere Rundgang hat dann die erste Enttäuschung wieder wett gemacht: Seltsame Filme von Nathaniel Mellors, ein schöner Film von Omer Fast, Malerei (?)/ Installation von Das Institut (die wohl auch hier im Norden bald zu sehen sein werden, wie ich hörte) und Objekte von Nairy Baghramian. Was es mit Polke und der Biennale-Ausstellung auf sich hat, weiß ich auch nicht so recht, aber sein Polizistenschwein, von zwei der ausgestopften Cattelan-Tauben beäugt, hat mich erfreut.

Trotzdem: Es war letztlich aber doch wieder angenehm im Museo Correr in kleiner, aber feiner Manier eine normal dimensionierte Ausstellung von Julian Schnabel zu sehen. Und wäre der von Carlo Scarpa an der Piazza San Marco gestaltete Olivetti-Showroom offen gewesen, hätte dieser sicher zu den Highlights der Venedigreise gezählt.

Carlo Scarpa - Olivetti Showroom

Carlo Scarpa - Olivetti Showroom

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